Newsgroups: at.freizeit.motorrad Date: Wed, 15 Aug 2001 23:05:19 +0200 From: Franz -STAR- Starhan <starhan@gmx.net> Message-ID: <3B7AE409.F60D0A2@starhan.org> Subject: Was wirklich geschah... (lang) Hoi afm! Soda, nun wie versprochen die Geschehnisse des 30.Juli und die Folgen. Montagmorgen, 8h. Schönes Wetter. Die Wahl des Verkehrsmittels fällt nicht schwer, einspurig ist angesagt. Nachdem die Ratte noch immer keinen Käufer hat, nehm ich halt die für die Stadt. Erspar' ich mir die Ruckelei mit der Nav. Also aufgesessen und losgedüst. Während der Fahrt an die schöne Ausfahrt vom vorherigen Samstag gedacht. Am Freitag hab ich mehr oder weniger zufällig entdeckt, daß Stoppies mit der Nav ganz leicht gehen. Und mit breitem Grinser am Samstag natürlich mehrfach bei der Ausfahrt geübt. "Verspieltes Kind" hat der Helmut am Samstag noch gemeint, und da hat er verdammt recht gehabt. Genau so hab ich mich gefreut... ;) Ich fahr also über Laxinger und Raxstraße gen 4ma und denk über meine Stoppies nach. Stoppies... Stopp... STOP! Vor mir schleift sich eine Dose ein, weil ein anderer Dosist links in den Stefan-Fadinger-Platz abbiegen will und sich das erst im allerletzten Moment so überlegt hat. Dort ist original noch nie jemand abgebogen, seit ich dort fahre. Und ich fahre oft dort. Darf man dort überhaupt links abbiegen? Man darf. :( Nur krieg ich das in meinem Montag-Morgen-Dusel zuerst einmal nicht so wirklich mit. Eine Sekunde später denk ich mir dann "Wieso wochst die Dosn do vuarn so schnö auf mi zuwe?" und blicke auf drei Bremslichter. *Shit!* Was tun? In zweiter Spur, bei Tempo 50, 10m auf 12 Uhr die Dose ist guter Rat teuer. Gegenverkehr? No way. Rechts vorbei? Verkehr zu dicht. Um also nicht Torpedo zu spielen, werfe ich den Anker. Aufgrund meiner Er"fahrung" bei Stürzen aber nur den vorderen. Zu oft ist mir die Hinterhand bei Notbremsmanövern weggerutscht. Etwa nach zwei, drei Metern meint der Vorderreifen, daß ihm soviel Bremskraft eigentlich überhaupt nicht passt und er daher doch lieber wegrutschen will. Nach rechts. Entsprechend kippt die Fuhre nach links in Richtung Asphalt. *krach*. Das Lenkerende küsst den Asphalt, kurz gefolgt von mir und der Ratte, deren Getriebeblock genau auf meinen Knöchel knallt. Zu allem Überfluß probiert der Schalthebel, einen Weg in meinen Schuh zu finden. Tut er auch. Der Hebel reißt den Schuh richtiggehend auf und verlustiert sich danach an meinem Sprunggelenk. *chhhrt*. Ein paar Meter Asphalt-Rutschen, dann ist Stille. Nagut, stehn wir mal auf. Ein bissl tut die Schulter weh und die linke Pratze schmerzt trotz Handschuh. Ich schau mich um. Die Dose hinter mir hat mit ca. 20m Abstand angehalten, das Auto vor mir steht einige Meter vor mir. Passt, keine Kollision. Ich sehe Spuren eines Blinkerglases. Der Motor der Ratte läuft noch, das Hinterrad dreht seine Runden in der Luft. Also Motor gekillt und Motorrad mit Hilfe aufwuchten. Alleine hab ich's wieder mal nicht geschafft. Ich blicke auf zwei Lenkerenden und einen verbogenen Lenker. Verkleidung dürfte ganz sein, aber wo ist die Hebelei? Den Bremshebel finde ich 2 Meter vor der Ratte liegend auf dem Asphalt, abgebrochen. Komich, ich bin doch nach links gefallen? Und sooo stark hab ich auch nicht gebremst. Naja, anyway. Ohne Kupplung wird es etwas schwierig, die Kiste von der Fahrbahn zu bekommen. Die taucht dann doch noch auf - es hat nur die linken Armaturen verdreht. Also schiebe ich die Ratte an den Straßenrand. Wildes Gehupe um mich herum - es ist Montagmorgen und entsprechend viel Verkehr. Bei jedem Schritt tut mir der Fuß mehr weh. Irgendwann schießt es wie ein Pfeil durch meinen Knöchel und ich falle fast mitsamt der Ratte um. Mit der Hilfe der Dosistin (sehr freundlich übrigens) stellen wir die Ratte auf einen Parkplatz in der Seitenfahrbahn. "Brauchen's die Rettung?" - "Na, es geht scho". "Wolln's des net doch anschaun lass'n?" - "Is wohl besser so". "Wenn's wolln, foahr I sie ins Unfallkrankenhaus" - "Also gut". Ich hab mich dann noch von ihrem Auto in die Erstaufnahme geschleppt. Bei der Untersuchung mach ich dann meinen Schuh auf, der bisher noch fest zugebunden war. Dabei bemerke ich, daß er aufgerissen ist. Raus aus dem Schuh sehe ich die Blutlache, in der ich die ganze Zeit ge- standen bin. Erste Diagnose: Zwei Rißquetschwunden, ca. 1,5 mal 1cm groß. Weil ich Medikamente zur Senkung der Blutgerinnung nehmen muß (wegen meinem Herz) bluten die Wunden recht stark. Ich soll für ein, zwei Tage drinnenbleiben, bis die Blutung aufhört. Nagut. Sicherheits- halber wird noch ein Röntgen gemacht. Der Fuß wird in alle möglichen und unmöglichen Stellungen gedreht. *aua*. Danach kann ich nicht mehr gehen, werde mit der Bahre auf die Station gebracht. Erster Tag: Absolute Schonung, Bettruhe, nicht mal auf's Klo darf ich. Harnflasche. Topferl. Grauslich. Die Wunde tut höllisch weh. Verband- Wechsel am Abend - ich habe ca. 2cm dicken Zellstoff und 1cm Verband durchgeblutet. Eisbeutel. Zweiter Tag: Ich bekomme einen Rollstuhl und darf wenigstens wieder aufs Klo. Keine Änderung bei den Schmerzen, am Abend hat wenigstens die Blutung aufgehört. Bei der Visite meint der Stationsarzt: "Glück gehabt. Es ist nichts gebrochen und nichts gerissen". Na immerhin. Dritter Tag: Der Rollstuhl kommt weg, ich bekomme Krücken. Auch nur für's Klo und zum Waschen. Außerdem soll ich den Fuß "teilbelasten". Sprich: Versuchen, aufzutreten. Versuchen tu ich's. Die Schmerzen machen mich fast wahnsinnig. So geht's nicht. Verbandwechsel. Die Wunden beginnen langsam zu heilen. Wieder Eisbeutel. Schmerzpulver. Vierter Tag: Ich soll trotz Schmerzen üben. Und den Fuß bewegen. Damit ich keinen Spitzfuß bekomme (dann hat das Fußgelenk nur mehr einen eingeschränkten Wirkungswinkel). Nagut, Schmerzmittel rein und Zähne zusammen. *auauau*. Es geht nicht, tut viel zuviel weh. Fünfter Tag: Alles retour, wieder absolute Ruhe. Keine Belastung über's Wochenende. Noch immer Schmerzmittel, aber schon weniger. Verbandwechsel. Eisbeutel. Die Wunde schaut laut Arzt "gut aus". Ich finde, sie schaut schrecklich aus. Erstes Wochenende: Keine Belastungen, nur mit Krücken auf's Klo und zum Waschen. Die Schmerzen werden weniger. Die Hoffnung auf baldige Entlassung steigt. Achter Tag: Der Stationsarzt ist auf Urlaub, der ihn vertretende Oberarzt greift den Fuß ab, drückt auf den Knöchel. An zwei Stellen zucke ich zusammen. Kommentar: "Do stimmt wos net". Wieder Röntgen. Das ergibt aber wieder nichts. Neunter Tag: Das Röntgen hat Verdacht aufkommen lassen, daß doch etwas nicht ganz in Ordnung ist. Computertomographie. Am Nach- mittag meint die Oberschwester "Na do is doch wos net in Uadnung". Mein "Was?" beantwortet wenig später der Oberarzt: "Wadenbeinbruch, Bänderriß. Wir miassn's operiern." Ich bin am Boden zerstört. Von wegen "Nix brochn und nix grissn". Die Aussichten sind Operation und nachher 4-6 Wochen Gips. Na bravo... Zehnter Tag: Es wird nicht so heiß gegessen, wie gekocht wird. Die Operation muß warten, bis die Wunden abgeheilt sind. Sonst ist das Risiko einer Infektion zu groß. In der Zwischenzeit soll das Gelenk stabilisiert werden. Spaltgips. Weiterhin Wundversorgung und Eis- beutel. Dazu wird das Bein aus dem Spaltgips gehoben und nachher wieder hinein. Elfter Tag: Der Spaltgips ist durch das Herausheben des Beines für die Wundversorgung ziemlich ausgeleiert und stützt daher nur mehr wenig. Also Gips runter und neuen Gips drauf. Diesmal keinen Spalt- gips, sondern einen "richtigen". Mit "Fenster" unten am Knöchel zur Wundversorgung. Und damit es richtig lustig wird, keinen Unter- schenkelgips mehr, sondern einen "kurzen Oberschenkelgips". Der reicht etwa zur Hälfte zwischen Knie und Hüfte. Das Knie und das Sprunggelenk daher in einer fixen Position. Seeehr angenehm. Beim Angipsen meint der Oberarzt "Ich werd Ihnen jetzt gleich fürchterlich weh tun und es ist mir herzlich egal, was Sie jetzt von mir denken". "Was redet der?" denk ich mir, angipsen tut doch net weh. Weit gefehlt: Plötzlich nimmt der Arzt meinen Knöchel und drückt wie ein Berserker den Gips an. Mir bleibt die Luft weg. "Jaja, die Schmerzen lassen gleich nach". Er holt noch einen Kollegen, damit der Gips ja recht eng sitzt. Ich schnappe nach Luft. Langsam, ganz langsam gehen die Schmerzen vorbei. Zwölfter Tag: Ich lasse mir die Röntgen- und CT-Aufnahmen zeigen und tatsächlich: Auf den Röntgen kann man nichts sehen, vielleicht etwas erahnen. Das CT dann ähnlich "lustig": Von den 40 oder 50 Schnitten ist genau auf einem der Bruch zu sehen. Ich werde mit den Krücken mobi- lisiert: Auf und ab am Gang und Stiegensteigen. Das ist echt lustig. Kann ich jedem empfehlen. Dazu bekomme ich Laserbehandlung für die Wunden. Damit sie schneller heilen. Zweites Wochenende: Weitere Mobilisierung auf dem Gang mit und ohne Krücken. Ich bezeichne den Gips, der eigentlich ein Liegegips ist, fortan als "Hüpfgips". Ansonsten ereignislos, keine Schmerzen mehr. Ich bekomme in Aussicht gestellt, am Dienstag heim zu kommen. Fünfzehnter Tag: Endlich einmal keine Hiobsbotschaften, am nächsten Tag ist tatsächlich Entlassung. Weitere Mobilisierung am Gang und auf den Stiegen. Wieder Laserbehandlung. Sechzehnter Tag: Abschlußvisite. Warten auf das Rote Kreuz. Und in der Rettung heim nach Hause. Endlich nicht mehr im Spital. Wie geht's weiter? Ich bekomme dreimal in der Woche Lasertherapie für die Rißquetschwunden. Am Freitag bin ich zur Röntgenkontrolle und am 29.8. ist Gips-Check. Bis dahin sollten die Wunden halbwegs verheilt sein. Dann können die Ärzte auch entscheiden, ob doch eine Operation notwendig ist (hoffe ich nicht - die Aussichten stehen gut) oder wenn nicht, wielange der Gips noch oben bleiben muß. Aus heutiger Sicht noch fast 6 Wochen :( Resümee: Ich habe eines gelernt: Nie mehr ohne vollständige Schutzkleidung. Und dazu gehören nunmal Stiefel (ja Hermann, Du hast absolut Recht). Wobei ich ziemlich robuste Outdoor-Schuhe (so Trekking-Zeugs) angehabt habe, die über den Knöchel hinaus gegangen sind. Ob ein Stiefel die Verletzungen verhindert hätte, sei dahingestellt. Die Rißquetschwunden wahrscheinlich schon. Bruch und Riß vielleicht. Vielleicht auch nicht. Wenn ich wieder gehen kann, werde ich mich um gscheite Stiefel umschauen. Franz